Oder – Wie ich mich zufällig in Noah Sandermanns Haut
wiederfand.
Eigentlich wusste ich heute Morgen schon, dass ich für
solche Trips nicht gemacht bin. Nicht erst, seit die fünf vor der Null steht,
sondern schon immer. Spätestens, als mich meine Schwiegermutter vor 20 Jahren
zur Weihnachtszeit mitten durch die Hamelner Innenstadt geschleift hat, weil
sie mir unbedingt Klamotten kaufen wollte und ich bereits im dritten Laden
stressbedingt so durchgeschwitzt war, als hätte ich im Wintermantel in der
Sauna übernachtet, war mir klargewesen, dass ich Klamotten in Zukunft besser
online bestellen sollte.
Trotzdem ließ ich mich von Mann und Tochter vor ein paar
Tagen dazu überreden, zum Shoppen nach Oberhausen zu fahren. Ist ja auch nicht
so, als hätten wir im Lipperland keine Geschäfte…
Um den Spaßfaktor noch ein bisschen zu erhöhen, war die
Nacht aufgrund eines Konzertbesuchs gestern Abend nicht besonders lang gewesen,
was meinen Körper allerdings nicht sonderlich zu interessieren schien. Anders
kann ich es mir zumindest nicht erklären, dass ich – trotzdem die Uhr heute
Nacht bereits halb 1 anzeigte, als ich ins Bett gefallen bin – mit der
Präzision eines Schweizer Uhrwerks pünktlich um halb 7 signalisierte, dass
seine Nacht vorbei sei. Seine, wohlgemerkt. Nicht die der Augen. Die hätten
nämlich gerne noch 2 Stunden weitergeschlafen.
Wieso mein Mann heute Morgen um halb 7 schon so munter war, als hätte er
mindestens doppelt so viel Schlaf gehabt, entzieht sich meiner Kenntnis. Bei
Gelegenheit sollte ich ihn vielleicht mal danach fragen, ob es da irgendwelche
Tricks gibt. Aber ich schweife vom Thema ab.
Mit nur 10 Minuten Verspätung („Stellt euch drauf ein, wir
fahren um 8 Uhr los…!“ 🙄) ging‘s also auf die
Autobahn Richtung Oberhausen. Dass mein Mann mich überhaupt noch freiwillig
mitnimmt, grenzt nahezu an ein Wunder. Ich bin nämlich sozusagen der Prototyp
eines schlechten Beifahrers und somit der Endgegner eines jeden Autofahrers –
und sei er noch so geduldig und schweigsam. Es dauert somit dann auch nicht
allzu lange, bis auch der liebevollste Göttergatte irgendwann nur noch genervt
mit den Augen rollt, wenn die Frau neben ihm ständig signalisiert, dass er
nicht Autofahren kann. Selbstredend natürlich, ohne auch nur ein einziges Wort
zu verlieren. Ist auch gar nicht nötig. Ich kann das nämlich mit den Augen,
Anspannung in den Beinen, einem dezenten Blick auf den Tacho und einem
deutlichen Fingerzeig – wahlweise auf den Vordermann oder die Blitzer-Familie
in gefühlt 1 km Entfernung.
Dank der Dose Energy, einer Geschwindigkeit jenseits von Gut
und Böse und Rockmusik mit einer Lautstärke in Rockharz Niveau war an Schlaf
auch nicht zu denken – abgesehen davon, dass ich mit geschlossenen Augen auch
gar nicht in der Lage gewesen wäre, aufzupassen, dass der Mann bloß nicht
übersieht, wenn 300 Meter vor uns jemand die Spur wechselt.
Immerhin war es dem Teenager auf der Rückbank egal, was um sie herum passierte.
Die klappte ihre Augen nämlich erst wieder auf, als wir schon fast in
Oberhausen waren.
So eine Autofahrt ist ja nur halb so lustig, wenn man sich
nicht wenigstens einmal verfährt, weshalb wir eigentlich immer dafür sorgen,
mindestens einmal die Abfahrt zu verpassen, auf die falsche Autobahn zu
wechseln oder einfach gleich ganz in die falsche Richtung zu fahren. Also
durfte natürlich auch heute eine kleine Extra-Rundreise nicht fehlen. Doch
irgendwann hatten wir es dann schließlich doch geschafft, das Centro zu
erreichen. Oder sollte ich besser von der Shopping-Stadt sprechen? Man weiß es nicht
genau. Mir als Landei kam es jedenfalls von außen schon so vor, als hätte man
kurzerhand den Planeten „Shopedia“ auf Oberhausen fallen lassen. Aber
vielleicht war der Eindruck auch nur durch das Ufo-ähnliche Gebilde entstanden,
das offenbar ein Spielcasino beherbergt.
Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, als wir das
Shoppingcenter schließlich betraten, aber für einen Samstagmorgen um kurz vor
elf war es noch erfreulich leer. Dass sich das im Laufe des Tages ändern würde,
hätte mir eigentlich von vornherein klar sein sollen. Aber die Hoffnung stirbt
ja bekanntlich zuletzt und die hatte mir eingeflüstert, dass der Großteil
derer, die in diesen Zeiten noch das Geld zum Shoppen haben, gerade auf dem Weg
in den Urlaub sein würde. Immerhin haben schließlich gerade die Sommerferien
begonnen.
Wie eigentlich immer, wenn wir irgendwo hinfahren, führte
uns der erste Weg erstmal zur Toilette.
Es ist schon fast komisch. Man kann gerade noch gegangen sein, bevor man
losgefahren ist oder kurz vorm Ziel unterwegs noch irgendwo angehalten haben
(wenn man denn länger als die übliche halbe Stunde durch die Gegend gekurvt
ist) – der erste Weg führt immer aufs Klo. Mich zumindest. Also erstmal rein
ins (noch nicht vorhandene) Gewühl und immer der Beschilderung „Toiletten“
nach. Irgendwann unterwegs kam mir der Gedanke: „Vielleicht sollte man sich
hier besser schon eine Stunde vorher überlegen, ob man aufs Klo muss.“
Also nicht, dass ihr jetzt denkt, wir hätten uns trotz der guten Beschilderung
verlaufen. Zumindest behaupte ich das jetzt mal, denn zugegebenermaßen bin ich
eigentlich nur Mann und Teenager hinterhergelaufen. Warum wir dann irgendwann
vor den Toiletten im Obergeschoss standen, obwohl es dieselbe Einrichtung auch
im Erdgeschoss gab… Die Frage kann ich nicht mit Sicherheit beantworten.
Immerhin gab uns die Wanderung die Möglichkeit, uns einen ersten Überblick über
Geschäfte zu verschaffen, deren Namen ich teilweise nicht mal aussprechen
konnte. Geschweige denn, zu erkennen, wofür man dort sein sauer verdientes
Einkommen ausgeben kann.
Ich bin mir sicher, dass wir die Sanitäranlagen nicht länger
als nötig in Anspruch genommen haben, trotzdem hatte ich nach dem Pippigang
irgendwie das Gefühl, einen Zeitsprung von mindestens 1 Stunde gemacht zu
haben. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum sich die Anzahl der
Shopping-Willigen in der Zwischenzeit verdoppelt zu haben schien. Statt
gemütlich an den Schaufenstern vorbeizubummeln oder durch die Geschäfte zu
streifen, kam ich mir plötzlich vor wie ein Hase, der auf der Flucht vor Verfolgern
Haken schlägt und dabei aufpassen muss, dass er nicht über seine eigenen Füße
stolpert. Und weil das allein viel zu langweilig geworden wäre, wurde die ganze
Szenerie großzügig mit Musik untermalt, die in den unterschiedlichsten
Variationen nicht nur durch die Mall dudelte, sondern zusätzlich auch noch aus
den Geschäften kam. Zumindest kam es mir so vor – ganz sicher sagen kann ich es
nicht.
So ein Einkaufszentrum verströmt ja außerdem auch seinen
ganz eigenen – ich nenn’s mal wohlwollend – Duft. Würde diese Mischung aus
Körperausdünstungen, Parfumnoten und dem Geruch nach Essen etwas weniger
penetrant riechen, wäre vielleicht schon jemand auf die Idee gekommen, sie in
Flaschen abzufüllen und teuer zu verkaufen.
Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, wenn man gewillt ist, die Wirtschaft
mit einem kleinen Teil vom Sparbuch zu unterstützen?
Um die Mittagszeit signalisierten unsere Mägen dann ziemlich
deutlich, dass sie jetzt bitte dringend gefüttert werden möchten. Überflüssig,
zu erwähnen, dass wir da natürlich nicht die einzigen waren, die die Idee
hatten, die Fressmeile aufzusuchen. Zwischenzeitlich hatte sich die
Menschenmenge in meinen Augen mindestens verdreifacht. Mir stellten sich sofort
zwei Fragen: In welcher Schlange stellst du dich an, damit das Mittagessen
nicht erst zum Abendbrot serviert wird und hast du darauf überhaupt Hunger? An
Auswahl mangelte es zumindest nicht. Von indisch über türkisch, italienisch und
japanisch bis hin zum goldenen M war alles dabei.
Von all den Möglichkeiten, die uns geboten wurden, suchten wir uns mit nahezu
zielstrebiger Sicherheit den einzigen Imbiss aus, der das EC-Gerät offenbar nur
zur Dekoration stehen hatte. Das Schild „Only Cash“ neben dem Gerät war zwar
nicht zu übersehen und ich hab’s tatsächlich sogar wahrgenommen. Aber ganz
offensichtlich hatte mein Kopf in dem Moment beschlossen, dass das absolut
nicht logisch ist und deshalb auch vollkommen egal ist, dass ich nur 5 Euro
Bargeld mit mir herumtrug.
Tja, dummerweise war die Information aber trotzdem ernst gemeint, da die
Internetverbindung so schlecht sei, dass EC-Zahlung praktisch so gut wie
unmöglich sei. Ähm ja, toller Witz. Wo ist die versteckte Kamera? Ich meine,
Hallo? In Zeiten von Glasfaser, an einem Ort wie dem größten Shoppingcenter
Deutschlands, das den Besuchern kostenfreies Wi-Fi anbietet… selten so gelacht.
Den Hinweis der Bedienung, dass man immer genug Bargeld dabeihaben müsse, höre
ich immer noch in meinen Ohren. Oft genug hat sie ihn mir ja auch
heruntergebetet, während wir uns minutenlang anstarrten. Ich sah mich schon
durch die Mall traben auf der Suche nach einem Geldautomaten – irgendwo
versteckt zwischen den Sanitäranlagen im Obergeschoss und dem BVB-Fanshop, bei
dem ich mir eine halbe Stunde vorher eine Badewannen-Ente gekauft hatte. Dann
seufzte Mamma Italiana hinter dem Tresen abgrundtief, schob mir das EC-Gerät zu
und meinte, man könne es ja mal probieren. Und was soll ich euch sagen?
Natürlich funktionierte es. 🤷♀️ Wie übrigens auch bei dem Kunden nach mir,
beim Dunkin Donuts Shop und in allen anderen Geschäften, die wir nicht ohne
Tüte in der Hand verlassen haben.
Bepackt wie die Maulesel und platt wie nach einer Teilnahme
am Iron Man – und nebenbei bemerkt um mehrere hundert Euro ärmer – schlichen
wir irgendwann zur Kaffeezeit zurück zum Auto. Das heißt, zumindest hatten wir
das vor.
Erinnert ihr euch noch daran, wie ich eingangs erwähnte, dass wir eigentlich
immer irgendwo falsch abbiegen oder in die verkehrte Richtung unterwegs sind?
Richtig. Wäre ja auch zu einfach gewesen, die Mall gleich durch den richtigen
Eingang zu verlassen. Und auch nur der halbe Spaß gewesen, wenn wir schon beim
Betreten des Parkhauses gesehen hätten, dass es das falsche ist. Natürlich sind
wir erstmal in den Fahrstuhl gestiegen, auf Ebene 1 gefahren und zum Parkdeck A
gelaufen. Nur, um da dann festzustellen, dass das Parkhaus die falsche Nummer
hat. 🙄
Also wieder raus aus dem Parkhaus, rein ins Centro, auf der anderen Seite
wieder raus, ins nächste Parkhaus rein. Und damit der Sportfaktor nicht zu kurz
kommt, hatte der Fahrstuhl in der Zwischenzeit beschlossen, schon mal
Feierabend zu machen. Soll mir nochmal jemand damit kommen, ich würde keinen
Sport betreiben.
Ehrlich, ich hab‘ fast geheult, als wir endlich vor unserem Auto standen.
Und wer jetzt denkt „Oh wow, lustige Geschichte, sogar mit
Happy End“, dem muss ich leider sagen: So weit sind wir noch lange nicht.
Denn wenn ihr glaubt, dass wir nun einfach das Parkhaus verlassen haben und
nach Hause gefahren sind, dann täuscht ihr gewaltig. Ich glaube ja, dass die
Stadt Oberhausen der wahre Erfinder von Labyrinthen ist. Anders kann ich mir
jedenfalls nicht erklären, wieso wir 3 Runden durchs gesamte Parkhaus gedreht
haben, bis wir die Ausfahrt gefunden hatten! Und ich schwöre euch: Mein Mann
ist streng den Ausfahrtschildern gefolgt. Der nächste Weg führte uns dann
erstmal zur Tankstelle. Wer will schon auf der Autobahn tanken oder gar dort
liegenbleiben? Dasselbe Spielchen wie im Parkhaus hatten wir dann allerdings
auch auf der Tanke. Denn auch die hatte sich ein ausgeklügeltes "Wir
lassen sie nicht fahren" System ausgedacht. Immerhin kann ich euch jetzt
genau sagen, an welcher Ecke des Grundstücks die Mülltonne steht, wo sich die
Toiletten befinden und dass man, wenn man dann endlich mal auf der Straße
angekommen ist, die Tankstelle dennoch großzügig ein weiteres Mal umrundet, bis
man dann schlussendlich aus den Fängen dieser Stadt entlassen wird. Immerhin
verlief dann aber der Rest der Rückfahrt ereignislos. Sie war so langweilig,
dass ich sogar fast eingeschlafen wäre, wenn der Göttergatte nicht mit 150 über
die Autobahn gebraten wäre.
Dieser Tag war vermutlich nicht mal halb so extrem, wie ich
ihn beschrieben habe. Bzw. muss ich sagen, wie er mir vorgekommen ist. Denn
tatsächlich ist es wirklich so, dass ich viele Dinge viel intensiver wahrnehme
und wahrgenommen habe, als Mann und Teenager oder andere es wahrnehmen.
Gerüche, Gedränge, Lautstärke, Unvorhergesehenes.
Ich habe den Beitrag nicht umsonst mit den Worten „Wie ich zufällig in Noahs
Haut schlüpfte“ begonnen. Natürlich kannte ich dieses Gefühl und die
Reizüberflutung vorher schon. Schon vor dem heutigen Tag und bevor ich meinen
hochsensiblen Protagonisten in die Shopping Mall katapultiert habe. Aber das
heute nochmal selbst zu erleben, während ich gerade dabei bin, all diese Dinge
in einem meiner Bücher zu thematisieren, war tatsächlich äußerst hilfreich.
Zu guter Letzt bleibt mir eigentlich nur noch eines zu
sagen: Es war ein durchaus anstrengender, aber auch schöner Tag, an dessen Ende
ich aber sagen kann: Danke, jetzt weiß ich, wie das Centro von innen aussieht,
hab die Gelegenheit genutzt, mir ein paar DocMartens zu kaufen. Aber nochmal
brauche ich das nicht.