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Montag, 27. Juli 2026

Es war einmal… eine Shoppingtour ins Ruhrgebiet

 Oder – Wie ich mich zufällig in Noah Sandermanns Haut wiederfand.

Eigentlich wusste ich heute Morgen schon, dass ich für solche Trips nicht gemacht bin. Nicht erst, seit die fünf vor der Null steht, sondern schon immer. Spätestens, als mich meine Schwiegermutter vor 20 Jahren zur Weihnachtszeit mitten durch die Hamelner Innenstadt geschleift hat, weil sie mir unbedingt Klamotten kaufen wollte und ich bereits im dritten Laden stressbedingt so durchgeschwitzt war, als hätte ich im Wintermantel in der Sauna übernachtet, war mir klargewesen, dass ich Klamotten in Zukunft besser online bestellen sollte.

Trotzdem ließ ich mich von Mann und Tochter vor ein paar Tagen dazu überreden, zum Shoppen nach Oberhausen zu fahren. Ist ja auch nicht so, als hätten wir im Lipperland keine Geschäfte…

Um den Spaßfaktor noch ein bisschen zu erhöhen, war die Nacht aufgrund eines Konzertbesuchs gestern Abend nicht besonders lang gewesen, was meinen Körper allerdings nicht sonderlich zu interessieren schien. Anders kann ich es mir zumindest nicht erklären, dass ich – trotzdem die Uhr heute Nacht bereits halb 1 anzeigte, als ich ins Bett gefallen bin – mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks pünktlich um halb 7 signalisierte, dass seine Nacht vorbei sei. Seine, wohlgemerkt. Nicht die der Augen. Die hätten nämlich gerne noch 2 Stunden weitergeschlafen.
Wieso mein Mann heute Morgen um halb 7 schon so munter war, als hätte er mindestens doppelt so viel Schlaf gehabt, entzieht sich meiner Kenntnis. Bei Gelegenheit sollte ich ihn vielleicht mal danach fragen, ob es da irgendwelche Tricks gibt. Aber ich schweife vom Thema ab.

Mit nur 10 Minuten Verspätung („Stellt euch drauf ein, wir fahren um 8 Uhr los…!“ 🙄) ging‘s also auf die Autobahn Richtung Oberhausen. Dass mein Mann mich überhaupt noch freiwillig mitnimmt, grenzt nahezu an ein Wunder. Ich bin nämlich sozusagen der Prototyp eines schlechten Beifahrers und somit der Endgegner eines jeden Autofahrers – und sei er noch so geduldig und schweigsam. Es dauert somit dann auch nicht allzu lange, bis auch der liebevollste Göttergatte irgendwann nur noch genervt mit den Augen rollt, wenn die Frau neben ihm ständig signalisiert, dass er nicht Autofahren kann. Selbstredend natürlich, ohne auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Ist auch gar nicht nötig. Ich kann das nämlich mit den Augen, Anspannung in den Beinen, einem dezenten Blick auf den Tacho und einem deutlichen Fingerzeig – wahlweise auf den Vordermann oder die Blitzer-Familie in gefühlt 1 km Entfernung.

Dank der Dose Energy, einer Geschwindigkeit jenseits von Gut und Böse und Rockmusik mit einer Lautstärke in Rockharz Niveau war an Schlaf auch nicht zu denken – abgesehen davon, dass ich mit geschlossenen Augen auch gar nicht in der Lage gewesen wäre, aufzupassen, dass der Mann bloß nicht übersieht, wenn 300 Meter vor uns jemand die Spur wechselt.
Immerhin war es dem Teenager auf der Rückbank egal, was um sie herum passierte. Die klappte ihre Augen nämlich erst wieder auf, als wir schon fast in Oberhausen waren.

So eine Autofahrt ist ja nur halb so lustig, wenn man sich nicht wenigstens einmal verfährt, weshalb wir eigentlich immer dafür sorgen, mindestens einmal die Abfahrt zu verpassen, auf die falsche Autobahn zu wechseln oder einfach gleich ganz in die falsche Richtung zu fahren. Also durfte natürlich auch heute eine kleine Extra-Rundreise nicht fehlen. Doch irgendwann hatten wir es dann schließlich doch geschafft, das Centro zu erreichen. Oder sollte ich besser von der Shopping-Stadt sprechen? Man weiß es nicht genau. Mir als Landei kam es jedenfalls von außen schon so vor, als hätte man kurzerhand den Planeten „Shopedia“ auf Oberhausen fallen lassen. Aber vielleicht war der Eindruck auch nur durch das Ufo-ähnliche Gebilde entstanden, das offenbar ein Spielcasino beherbergt.

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, als wir das Shoppingcenter schließlich betraten, aber für einen Samstagmorgen um kurz vor elf war es noch erfreulich leer. Dass sich das im Laufe des Tages ändern würde, hätte mir eigentlich von vornherein klar sein sollen. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und die hatte mir eingeflüstert, dass der Großteil derer, die in diesen Zeiten noch das Geld zum Shoppen haben, gerade auf dem Weg in den Urlaub sein würde. Immerhin haben schließlich gerade die Sommerferien begonnen.

Wie eigentlich immer, wenn wir irgendwo hinfahren, führte uns der erste Weg erstmal zur Toilette.
Es ist schon fast komisch. Man kann gerade noch gegangen sein, bevor man losgefahren ist oder kurz vorm Ziel unterwegs noch irgendwo angehalten haben (wenn man denn länger als die übliche halbe Stunde durch die Gegend gekurvt ist) – der erste Weg führt immer aufs Klo. Mich zumindest. Also erstmal rein ins (noch nicht vorhandene) Gewühl und immer der Beschilderung „Toiletten“ nach. Irgendwann unterwegs kam mir der Gedanke: „Vielleicht sollte man sich hier besser schon eine Stunde vorher überlegen, ob man aufs Klo muss.“
Also nicht, dass ihr jetzt denkt, wir hätten uns trotz der guten Beschilderung verlaufen. Zumindest behaupte ich das jetzt mal, denn zugegebenermaßen bin ich eigentlich nur Mann und Teenager hinterhergelaufen. Warum wir dann irgendwann vor den Toiletten im Obergeschoss standen, obwohl es dieselbe Einrichtung auch im Erdgeschoss gab… Die Frage kann ich nicht mit Sicherheit beantworten. Immerhin gab uns die Wanderung die Möglichkeit, uns einen ersten Überblick über Geschäfte zu verschaffen, deren Namen ich teilweise nicht mal aussprechen konnte. Geschweige denn, zu erkennen, wofür man dort sein sauer verdientes Einkommen ausgeben kann.

Ich bin mir sicher, dass wir die Sanitäranlagen nicht länger als nötig in Anspruch genommen haben, trotzdem hatte ich nach dem Pippigang irgendwie das Gefühl, einen Zeitsprung von mindestens 1 Stunde gemacht zu haben. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum sich die Anzahl der Shopping-Willigen in der Zwischenzeit verdoppelt zu haben schien. Statt gemütlich an den Schaufenstern vorbeizubummeln oder durch die Geschäfte zu streifen, kam ich mir plötzlich vor wie ein Hase, der auf der Flucht vor Verfolgern Haken schlägt und dabei aufpassen muss, dass er nicht über seine eigenen Füße stolpert. Und weil das allein viel zu langweilig geworden wäre, wurde die ganze Szenerie großzügig mit Musik untermalt, die in den unterschiedlichsten Variationen nicht nur durch die Mall dudelte, sondern zusätzlich auch noch aus den Geschäften kam. Zumindest kam es mir so vor – ganz sicher sagen kann ich es nicht.

So ein Einkaufszentrum verströmt ja außerdem auch seinen ganz eigenen – ich nenn’s mal wohlwollend – Duft. Würde diese Mischung aus Körperausdünstungen, Parfumnoten und dem Geruch nach Essen etwas weniger penetrant riechen, wäre vielleicht schon jemand auf die Idee gekommen, sie in Flaschen abzufüllen und teuer zu verkaufen.
Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, wenn man gewillt ist, die Wirtschaft mit einem kleinen Teil vom Sparbuch zu unterstützen?

Um die Mittagszeit signalisierten unsere Mägen dann ziemlich deutlich, dass sie jetzt bitte dringend gefüttert werden möchten. Überflüssig, zu erwähnen, dass wir da natürlich nicht die einzigen waren, die die Idee hatten, die Fressmeile aufzusuchen. Zwischenzeitlich hatte sich die Menschenmenge in meinen Augen mindestens verdreifacht. Mir stellten sich sofort zwei Fragen: In welcher Schlange stellst du dich an, damit das Mittagessen nicht erst zum Abendbrot serviert wird und hast du darauf überhaupt Hunger? An Auswahl mangelte es zumindest nicht. Von indisch über türkisch, italienisch und japanisch bis hin zum goldenen M war alles dabei.
Von all den Möglichkeiten, die uns geboten wurden, suchten wir uns mit nahezu zielstrebiger Sicherheit den einzigen Imbiss aus, der das EC-Gerät offenbar nur zur Dekoration stehen hatte. Das Schild „Only Cash“ neben dem Gerät war zwar nicht zu übersehen und ich hab’s tatsächlich sogar wahrgenommen. Aber ganz offensichtlich hatte mein Kopf in dem Moment beschlossen, dass das absolut nicht logisch ist und deshalb auch vollkommen egal ist, dass ich nur 5 Euro Bargeld mit mir herumtrug.
Tja, dummerweise war die Information aber trotzdem ernst gemeint, da die Internetverbindung so schlecht sei, dass EC-Zahlung praktisch so gut wie unmöglich sei. Ähm ja, toller Witz. Wo ist die versteckte Kamera? Ich meine, Hallo? In Zeiten von Glasfaser, an einem Ort wie dem größten Shoppingcenter Deutschlands, das den Besuchern kostenfreies Wi-Fi anbietet… selten so gelacht.
Den Hinweis der Bedienung, dass man immer genug Bargeld dabeihaben müsse, höre ich immer noch in meinen Ohren. Oft genug hat sie ihn mir ja auch heruntergebetet, während wir uns minutenlang anstarrten. Ich sah mich schon durch die Mall traben auf der Suche nach einem Geldautomaten – irgendwo versteckt zwischen den Sanitäranlagen im Obergeschoss und dem BVB-Fanshop, bei dem ich mir eine halbe Stunde vorher eine Badewannen-Ente gekauft hatte. Dann seufzte Mamma Italiana hinter dem Tresen abgrundtief, schob mir das EC-Gerät zu und meinte, man könne es ja mal probieren. Und was soll ich euch sagen? Natürlich funktionierte es. 🤷 Wie übrigens auch bei dem Kunden nach mir, beim Dunkin Donuts Shop und in allen anderen Geschäften, die wir nicht ohne Tüte in der Hand verlassen haben.

Bepackt wie die Maulesel und platt wie nach einer Teilnahme am Iron Man – und nebenbei bemerkt um mehrere hundert Euro ärmer – schlichen wir irgendwann zur Kaffeezeit zurück zum Auto. Das heißt, zumindest hatten wir das vor.
Erinnert ihr euch noch daran, wie ich eingangs erwähnte, dass wir eigentlich immer irgendwo falsch abbiegen oder in die verkehrte Richtung unterwegs sind? Richtig. Wäre ja auch zu einfach gewesen, die Mall gleich durch den richtigen Eingang zu verlassen. Und auch nur der halbe Spaß gewesen, wenn wir schon beim Betreten des Parkhauses gesehen hätten, dass es das falsche ist. Natürlich sind wir erstmal in den Fahrstuhl gestiegen, auf Ebene 1 gefahren und zum Parkdeck A gelaufen. Nur, um da dann festzustellen, dass das Parkhaus die falsche Nummer hat. 🙄
Also wieder raus aus dem Parkhaus, rein ins Centro, auf der anderen Seite wieder raus, ins nächste Parkhaus rein. Und damit der Sportfaktor nicht zu kurz kommt, hatte der Fahrstuhl in der Zwischenzeit beschlossen, schon mal Feierabend zu machen. Soll mir nochmal jemand damit kommen, ich würde keinen Sport betreiben.
Ehrlich, ich hab‘ fast geheult, als wir endlich vor unserem Auto standen.

Und wer jetzt denkt „Oh wow, lustige Geschichte, sogar mit Happy End“, dem muss ich leider sagen: So weit sind wir noch lange nicht.
Denn wenn ihr glaubt, dass wir nun einfach das Parkhaus verlassen haben und nach Hause gefahren sind, dann täuscht ihr gewaltig. Ich glaube ja, dass die Stadt Oberhausen der wahre Erfinder von Labyrinthen ist. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wieso wir 3 Runden durchs gesamte Parkhaus gedreht haben, bis wir die Ausfahrt gefunden hatten! Und ich schwöre euch: Mein Mann ist streng den Ausfahrtschildern gefolgt. Der nächste Weg führte uns dann erstmal zur Tankstelle. Wer will schon auf der Autobahn tanken oder gar dort liegenbleiben? Dasselbe Spielchen wie im Parkhaus hatten wir dann allerdings auch auf der Tanke. Denn auch die hatte sich ein ausgeklügeltes "Wir lassen sie nicht fahren" System ausgedacht. Immerhin kann ich euch jetzt genau sagen, an welcher Ecke des Grundstücks die Mülltonne steht, wo sich die Toiletten befinden und dass man, wenn man dann endlich mal auf der Straße angekommen ist, die Tankstelle dennoch großzügig ein weiteres Mal umrundet, bis man dann schlussendlich aus den Fängen dieser Stadt entlassen wird. Immerhin verlief dann aber der Rest der Rückfahrt ereignislos. Sie war so langweilig, dass ich sogar fast eingeschlafen wäre, wenn der Göttergatte nicht mit 150 über die Autobahn gebraten wäre.

Dieser Tag war vermutlich nicht mal halb so extrem, wie ich ihn beschrieben habe. Bzw. muss ich sagen, wie er mir vorgekommen ist. Denn tatsächlich ist es wirklich so, dass ich viele Dinge viel intensiver wahrnehme und wahrgenommen habe, als Mann und Teenager oder andere es wahrnehmen. Gerüche, Gedränge, Lautstärke, Unvorhergesehenes.
Ich habe den Beitrag nicht umsonst mit den Worten „Wie ich zufällig in Noahs Haut schlüpfte“ begonnen. Natürlich kannte ich dieses Gefühl und die Reizüberflutung vorher schon. Schon vor dem heutigen Tag und bevor ich meinen hochsensiblen Protagonisten in die Shopping Mall katapultiert habe. Aber das heute nochmal selbst zu erleben, während ich gerade dabei bin, all diese Dinge in einem meiner Bücher zu thematisieren, war tatsächlich äußerst hilfreich.

Zu guter Letzt bleibt mir eigentlich nur noch eines zu sagen: Es war ein durchaus anstrengender, aber auch schöner Tag, an dessen Ende ich aber sagen kann: Danke, jetzt weiß ich, wie das Centro von innen aussieht, hab die Gelegenheit genutzt, mir ein paar DocMartens zu kaufen. Aber nochmal brauche ich das nicht.

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